Ambivalenz als neue Normalität
Über das Ende der Eindeutigkeit
Wir sind gleichzeitig frei & überfordert, verbunden & einsam, informiert & orientierungslos – Ambivalenz wird in der nächsten Gesellschaft zur Normalität.
Im letzten Denkbrief habe ich die Entwicklung der Gesellschaft von der Stammes- bis zur Netzwerkgesellschaft nachgezeichnet – bis zu jenem Bruch, der unsere Gegenwart prägt.
Zentrale These meines Textes: Die nächste Gesellschaft markiert das Ende der Moderne und beendet das Zeitalter der Eindeutigkeit. An die Stelle von Objektivität und Rationalität treten Mehrdeutigkeit und Pluralität.
Doch was heißt das konkret? Wie verändert sich unser Leben, wenn die alten Ordnungsmuster nicht mehr tragen?
Im Folgenden gehe ich diesen Fragen nach – entlang der Bereiche Wissen, Arbeit und Identität. Beginnend mit Wissen.
In Stammesgesellschaften lag Wissen oral vor – eingebettet in Mythen und Geschichten. Es war kollektive Erinnerung, getragen von den Ältesten und weitergegeben von Generation zu Generation.
In Agrar- und Feudalgesellschaften wurde Wissen in Schriften und Gesetzen fixiert und durch Religion und Herrschaft verwaltet. Sein Zugang blieb exklusiv.
Mit dem Buchdruck begann die Standardisierung von Wissen, die in der Industriegesellschaft durch Massenmedien und Universitäten ihren Höhepunkt fand.
Das Internet macht Wissen (wieder) flüssig: In der Netzwerkgesellschaft zirkuliert es in Echtzeit, ist dezentral und jederzeit verfügbar.
In der nächsten Gesellschaft wird Wissen relativ – nicht im Sinne von „alles ist gleich gültig“, sondern auf zwei Ebenen:
Relativität durch Fülle: Wissen ist im Überfluss verfügbar. Seine Quellen sind widersprüchlich, interessengeleitet und fragmentiert. Damit verliert es seinen Anspruch auf universelle Gültigkeit – es wird kontextabhängig.
Relativität durch Perspektive: In der Moderne war Wissen an das Ideal der Objektivität gebunden. In der nächsten Gesellschaft verschiebt sich der Fokus: Nicht mehr allein Wahrheit entscheidet über Relevanz, sondern vor allem, ob etwas Resonanz erzeugt, Orientierung bietet, Handlung ermöglicht.
Wissen erscheint in der nächsten Gesellschaft in vielen Formen gleichzeitig: Fakten und Fake News, Mathematik und Mythos, empirische Studien und narrative Geschichten.
Während sich Wissen relativiert, verschiebt sich auch das Alltägliche – die Arbeit.
In Stammesgesellschaften war Arbeit reine Notwendigkeit – sofern wir den Begriff überhaupt schon verwenden wollen: Jagen und Sammeln sicherten schlicht den Fortbestand der Gruppe.
In Agrar- und Feudalgesellschaften war Arbeit durch Herkunft und Stand bestimmt. Man war Adeliger oder Bauer, Herr oder Pächter – und blieb es meist ein Leben lang. Die soziale Position galt als gottgegeben.
Die Industriegesellschaft brachte eine neue Ordnung: Arbeiter und Kapitalisten. Für die Mehrheit hieß das zunächst Fließband und später Büro – und als Belohnung das Versprechen materiellen Wohlstands: Reihenhaus, Mittelklassewagen, Kleinfamilie, Rente, Tagesschau. Alles war durchgetaktet, standardisiert, genormt – vom Stundenplan bis zur Lebensbiografie.
Mit der Netzwerkgesellschaft veränderte sich die Logik. Aus Arbeitern und Industriellen wurden Freelancer und Influencer. Wissensarbeit, digitale Plattformen und prekäre Selbstständigkeit entgrenzten feste Rollen. Aufmerksamkeit gewann an ökonomischer Bedeutung. Content wurde zur Währung; Menschen zu Knotenpunkten im Netzwerk. Arbeit findet seitdem überall statt: im Büro, im Café, im Homeoffice.
Die nächste Gesellschaft ersetzt Arbeit durch Selbstverwirklichung. Lebensläufe sind entgrenzt und offen. Die kollektiven Sinnstrukturen der Moderne zerfallen.
Während frühere Gesellschaften klare Biografien vorgaben, ist der postmoderne Mensch dazu verdammt, seinem Leben selbst einen Sinn zu geben.
Wenn Selbstverwirklichung zu Arbeit wird, ist nicht mehr Geld die knappe Ressource, sondern Identität.
Der nächsten Gesellschaft mangelt es nicht an materiellem Wohlstand, sondern an Sinn.
Für den Arbeiter der Industriegesellschaft stifteten vor allem materielle Güter Sinn: Eigenheim, Mittelklassewagen, Kleinfamilie – das Leben war vorgezeichnet.
Der Prosumer der Netzwerkgesellschaft sucht stattdessen nach Identitätsgütern: #minimalism ersetzt den Sportwagen, #travel das Einfamilienhaus.
Diese Identitätsbausteine zirkulieren als Content im Netzwerk. Politiker, Popstars und Influencer konkurrieren um Aufmerksamkeit; ihre Haltungen, Produkte und Lebensstile landen direkt im eigenen Wohnzimmer – und per Smartphone im eigenen Kopf.
Das Netzwerk stellt einen riesigen Fundus immaterieller Kulturgüter bereit: Memes, Postings, Popkultur, aber auch Lebensstile („Lifestyle“) wie #vegan, #fitness, #mindfulness.
Der postmoderne Mensch ist unentwegt damit beschäftigt, diesen Überfluss an Identitätsbausteinen zu selektieren und daraus eine eigene Identität zu formen.
Der Wert materieller Güter entsteht nicht mehr durch das Gut an sich, sondern darüber, wie wir es in unsere Identitätserzählung einbauen.
Identität wird zu einem Prozess. Content, Selbstdarstellung und Selbstoptimierung ersetzen die festen Ordnungsmuster der Industriegesellschaft.
Mit der Pluralisierung von Wissen fragmentiert sich schließlich auch Identität: Sie wird multipel, fluide, widersprüchlich. In der Fülle der Möglichkeiten wächst die Überforderung. Identitätskrisen nehmen zu.
Der Wandel von Wissen, Arbeit und Identität zeigt: Orientierungslosigkeit ist kein individuelles Versagen, sondern der Preis einer Gesellschaft an der Spitze ihrer Möglichkeiten.
Die nächste Gesellschaft fordert uns heraus, eine Haltung zu entwickeln, die zugleich beweglich und stabil ist.
Genau darin liegt nicht nur ihre Zumutung, sondern auch ihre Chance.
Mehr dazu im nächsten Denkbrief.






